Strom einspeisen

Themen wie Atomstrom als „Brückentechnologie“ und die Erweiterung der erneuerbaren Energien haben uns in den letzten Monaten täglich mit der Frage konfrontiert, wie elektrische Energie eigentlich transportiert wird und zu uns in die Haushalte gelangt. Wir beziehen sie aus den Stromleitungen oder der Steckdose – aber anscheinend ist ihr Entstehungsort und die Art, wie sie entsteht, auch wesentlich.

Man stelle sich bildlich ein Stromnetz vor, das sich über die ganze Bundesrepublik spannt. Es wird durch oberirdische und unterirdische Leitungen gespeist und gehört – ja, wem eigentlich?! Der Knackpunkt ist, dass das Stromnetz in weiten Teilen dem gehört, der es errichtet oder gekauft hat. Und das war leider nicht der Staat! Wir haben heutzutage neben einigen anderen vier dominierende Stromkonzerne, die als Eigner des Stromnetzes in Frage kommen und den Markt folglich mit ihrer Interessenlage dominieren können. Gemeinden und Kommunen haben mit den großen Stromversorgern langjährig laufende Verträge über die Nutzung des Stromnetzes abgeschlossen. Die Stromversorger dürfen somit auf dem Landbesitz einer Kommune oder eines Bundeslandes ihre Strommasten errichten, die Kommune nutzt im Gegenzug den Strom.

Der Energiemarkt der Neuzeit befindet sich allerdings im Wandel – und nicht nur dadurch, dass Energiekosten immer höher werden oder Ressourcen versiegen. Erneuerbare Energien werden plötzlich auch von der Bundesregierung favorisiert. Zumindest scheint es so – denn was in der Theorie oder gesetzlich propagiert wird, muss in der Praxis nicht unbedingt durchführbar sein. Wir haben nämlich bereits jetzt das Dilemma, dass nicht jeder seinen Strom in das bestehende Netz einspeisen kann. Zunächst einmal muss er dafür eine Nutzungsgebühr an die Eigner des Netzes zahlen. Zum Zweiten muss er sich sagen lassen, wie viel Strom er wann einspeisen darf Die Erweiterung der Stromnetze ist Jahrzehnte lang vernachlässigt worden. Sie halten den vielen Einspeisungen anderer Stromerzeuger nicht stand. In Schleswig-Holstein beispielsweise könnten aus den Windparks an der Küste und aus bereits existierenden Solaranlagen erhebliche Strommengen in das Netz eingespeist werden. Dies würde das bestehende Netz aber zeitweise lahm legen – also stellt man Solaranlagen und Windräder ab, sobald das Netz überlastet wird. Soviel zum Thema Präferenz erneuerbarer Energien!

Nun hat ja die Bundesregierung gerade festgelegt, dass die Stromnetze ausgebaut werden sollen, damit die erneuerbaren Energien zukünftig Vorrang haben. Daran hat aber die Atomindustrie gar kein Interesse! Sie feiert zunächst den eben errungenen Erfolg der Verlängerung ihrer Laufzeiten durch gute Lobbyarbeit – und macht satte Gewinne! Und: Sie hindert zugleich die Produzenten erneuerbarer Energien daran, mehr Strom in das Netz einzuspeisen! Solange nämlich nicht klar ist, dass die jetzige Koalition wieder gewählt wird, halten sich die Stromerzeuger mit der Erweiterung der Netze zu Gunsten erneuerbare Energien zurück. Man investiert nur da, wo Gewinne anfallen! Wie wir sehen, ist das Einspeisen von Strom eine hochkomplexe Angelegenheit, an der viele Interessengruppen beteiligt sind.

Unsere politische Abhängigkeit von den Stromlieferanten ist immer größer geworden – kein Wunder also, dass man als Kommune oder Stadt bestrebt ist, daran etwas zu drehen! Die Klimakrise ist unübersehbar, unsere Abhängigkeiten auch. Es kann also nur in unserem Interesse liegen, das Einspeisen von Strom in möglichst viele Hände zu legen. Um dies zu tun, sind wir aber wiederum auf den Goodwill und die Einsicht der jetzt dominierenden Stromerzeuger angewiesen. Die nahe liegende Überlegung ist also, ihnen das Stromnetz oder Teile davon abzukaufen. Mit einer dezentralen Stromversorgung könnte eine Kommune unabhängiger werden. Vor allem, wenn sie sich mit anderen zu einem Verband zusammenschließt, könnte sie auch Entscheidungen treffen. Dagegen steht allerdings die beträchtliche Summe, die man für den Kauf des Stromnetzes aufwenden müsste. Viele Kommunen sind pleite, der Schuldenberg ist bereits jetzt dramatisch. Es ist fraglich, ob sich das ändern lässt. Das Einspeisen von Strom muss also künftig anders geregelt werden.

Rein theoretisch kann jeder Stromerzeuger Strom in das bestehende Stromnetz einspeisen. Er zahlt dafür eine Nutzungsgebühr an die Netzbetreiber, wird aber auch dafür belohnt, Strom zu liefern. Kommunen, die das Stromnetz von den Betreibern zurückgekauft haben, nutzen bereits mehr eigenen Gestaltungsspielraum. Sie können eigene Wind- und Solarparks oder Biogasanlagen einrichten, den so produzierten Strom in das Netz einspeisen und die eigenen Stadtwerke günstig damit versorgen. Es ist klar, dass die großen Stromversorger daran kein Interesse haben und alles unternehmen, um andere Kommunen an ähnlichen Modellen zu hindern. Verbürgt ist bereits, dass große Stromerzeuger Kommunen zur Verlängerung der bestehenden Verträge massiv gedrängt haben oder gar drohten, diese bei einer Weigerung oder angestrebten Unabhängigkeit in den Bankrott zu treiben.

Das Thema Einspeisung von Strom ist, wie man sieht, ein heißes Eisen und wird es wohl auch bleiben. Angestrebt wird ein gesamteuropäisches Stromnetz, in das man beliebig regenerative Energien einspeisen kann – aber das ist bislang nichts als eine schöne Zukunftsvision. Der eine oder andere überlastungsbedingte Blackout dürfte und noch bevorstehen, bevor uns allen ein Licht aufgeht!